Wie lernt die nächste Zahnärztegeneration? In Folge #136 des Podcasts „Queens & Sons of Dentistry“ berichtet Valeria Sabet, Zahnärztin aus Berlin sowie Mitgründerin und Chief Medical Officer von Wisdom, wie es zur Gründung der nach ihren Angaben einzigen Lernplattform für Zahnmedizinstudierende kam – und was ihr Weg über den Zustand der zahnmedizinischen Lehre verrät.
Teure Bücher und leere Bibliotheksregale
Ausgangspunkt war eine eigene Erfahrung: Als Sabet im Staatsexamen stand, begannen die ersten Semester bereits nach der neuen Approbationsordnung zu lernen – und plötzlich waren alle Bücher, die sie gebraucht hätte, von den Erstsemestern aus der Bibliothek entliehen. Ein Fachbuch, das zuletzt 2002 gedruckt wurde, kostet nach ihrer Schilderung gebraucht schnell 300 Euro; wer zehn solcher Bücher benötigt, könne den Insolvenzantrag gefühlt gleich hinterherwerfen. Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Universitäten, denen Geld, Finanzierung oder Forschung fehlen, lehren nach Sabets Beschreibung teils noch nach sehr alten Lehrideen. Aus dieser Lücke entstand die Idee einer Plattform, die Studierende vernetzt und ihnen die Möglichkeit gibt, an ihrer eigenen Lehre mitzuarbeiten.
Ein „Amboss für Zahnis“: Aufbau und Modell
Wisdom – der Name spielt auf den Weisheitszahn an – versteht sich als das, was Amboss für die Humanmedizin ist: eine Online-Lernplattform, auf der Studierende vom ersten Semester bis zum Staatsexamen die gesamte Theorie lernen können. Seit 2021 in der Entwicklung und zum Zeitpunkt der Aufzeichnung seit gut einem Jahr live, zählt die Plattform nach Sabets Angaben rund 6.000 Nutzer – etwa ein Drittel der Zahnmedizinstudierenden im DACH-Raum – und hat die erste Campuslizenz einer Universität erhalten. Inhaltlich funktioniert das Angebot wie ein Wikipedia-Artikel: Zuerst kommt die Definition, die der Prüfer hören möchte, dann das Tiefergehende; unterstrichene Begriffe wie „Kofferdam“ führen per Klick zur nächsten Lernkarte. Fast 9.000 Altfragen aus den Multiple-Choice-Katalogen vieler Universitäten sind eingepflegt. Das Abomodell beschreibt Sabet als „ein bisschen wie bei Spotify“: monatlich zubuchbar vor einer Prüfung, in den Semesterferien wieder abbestellbar. Beim Bildmaterial kooperiert die Plattform mit der Industrie – nach dem Grundsatz, dass die Industrie die Lehre nicht verändern, aber verbessern darf. Ihr Beispiel: Ein lila Abdruck verrät ohnehin jedem, von welcher Firma er stammt – dann könne man auch gleich das echte, gute Bild des Herstellers verwenden.
Neue Approbationsordnung, neue Inhalte
Interessant sind Sabets Hinweise auf die Folgen der neuen Approbationsordnung. Da Zahntechnik nicht mehr im früheren Umfang gelehrt wird, entfällt die bisher im Studium miterworbene Berechtigung, ein Eigenlabor zu führen. Prognosen, wonach es künftig immer mehr Eigenlabore geben werde, hält sie deshalb für fraglich. Gleichzeitig werden moderne Themen prüfungsrelevant: Die Plattform deckt nach ihren Worten Inhalte von CAD/CAM bis zur KI-geführten Implantologie ab – Sabet selbst wurde bereits 2021 im Prothetik-Staatsexamen zur Implantologie gefragt.
International gedacht
Die Modernisierung der Lehre endet nicht an der Landesgrenze: Wisdom hat nach Sabets Angaben erste Verträge in Richtung Indien, Brasilien und Mexiko geschlossen. Ihre Begründung: Die dentale Lehre müsse nicht nur in Deutschland modernisiert werden, und letztlich sei eine Füllung in allen Ländern eine Füllung – die Materialien unterscheiden sich, die Definition einer Karies ist global dieselbe. Davon profitieren auch Zahnärztinnen und Zahnärzte aus dem Ausland, die in Deutschland arbeiten möchten und sich mit der Plattform vorbereiten können.
Der ernüchternde Berufseinstieg
Deutliche Worte findet Sabet zum wirtschaftlichen Start ins Berufsleben. Assistenzzahnärzte seien für das, was sie leisten, schlecht bezahlt – und zwar nicht nur gefühlt: Kolleginnen, die wie sie 2021 fertig wurden, hätten bei 40 Wochenstunden mit rund 2.100 Euro brutto angefangen – nach sechs Jahren Studium und mit erheblicher Verantwortung. In Berlin reiche das weder für eine Einzimmerwohnung noch zum Leben, zumal BAföG ab einem gewissen Punkt zurückgezahlt werden muss. Sabet selbst behandelte übrigens bis vier Wochen vor der Aufzeichnung noch Patienten; mit der internationalen Expansion ließen sich Praxis und morgendliche wie abendliche Calls mit Universitäten jedoch nicht mehr dauerhaft vereinbaren. Ihr Fazit im Podcast: Sie könne der Zahnmedizin mehr geben, wenn sie die Lehre modernisiert und Studierenden den Zugang zu modernen Themen eröffnet, die eine veraltete Universitätslehre nicht abbilden kann.