Warum verlassen junge Teilnehmerinnen einen Fortbildungskurs, der erst zwanzig Minuten läuft? Und warum fühlt sich der Gang an den Industrieständen für viele wie Spießrutenlaufen an? In Folge #136 des Podcasts „Queens & Sons of Dentistry“, aufgezeichnet beim Dental Summer in Timmendorfer Strand, analysiert die Berliner Zahnärztin Valeria Sabet, worauf sich Veranstalter und Dentalindustrie einstellen müssen, wenn sie die nachrückende Generation von Zahnärztinnen und Zahnärzten erreichen wollen.
Bis zu 320 Dopaminstöße pro Stunde
Den Kern des Problems sieht Sabet in der veränderten Aufmerksamkeitsspanne – einem Ergebnis der Social-Media-Kultur. Auf Plattformen wie Instagram oder TikTok liefere jedes Hochwischen den nächsten Dopaminstoß; das Gehirn gewöhne sich daran, in kurzen Abständen immer wieder Neues zu sehen. Nach den Zahlen, die sie im Podcast nennt, kommen Jugendliche am Smartphone auf bis zu 320 Dopaminstöße pro Stunde – vor Social Media, etwa beim Fernsehen, seien es vielleicht zehn pro Stunde gewesen. Dieser Sprung hat Folgen für jede Präsenzveranstaltung: Wer über eine Stunde einem Vortrag folgen soll, an den sich ohne Pause direkt der nächste Redner anschließt, ist irgendwann schlicht erschöpft. Sabet berichtet von Kolleginnen, die sie beim Dental Summer draußen antrifft, obwohl deren Kurs erst zwanzig Minuten zuvor begonnen hat – mit der Begründung, sie könnten gerade nicht mehr.
Der optimale Vortrag: kurz und mit der Kernbotschaft zuerst
Aus dieser Beobachtung leitet Sabet konkrete Regeln für Referenten ab. Ein Vortrag sollte ihrer Einschätzung nach 15 bis 20 Minuten nicht überschreiten. Die Kernbotschaft gehört an den Anfang: die Problematik benennen und die Lösung gleich mitliefern, damit die Zuhörer von Beginn an wissen, wohin die Reise geht. Wer seine Botschaft erst am Ende platziert, muss nach Sabets Worten davon ausgehen, dass die jüngere Generation sie nicht mehr hört, weil sie längst abgeschaltet hat. Auch die Folien müssten sich ändern: weniger Text, fast schon „memekulturartig“, sodass die Kernaussage auf dem Bild sofort erkannt wird.
Mini-Pitches statt Kaffeepausen-Ansprache
Besonders kritisch sieht Sabet das klassische Zusammenspiel von Kongress und Industrie: Die Aussteller warten draußen auf die Kaffeepause – genau in dem Moment, in dem die Teilnehmer das Gefühl haben, bereits zu viel gehört zu haben, und in Ruhe ihren Kaffee trinken wollen. Hinzu komme eine Eigenheit der jüngeren Generationen: Millennials wie Gen Z wollten nicht mit fremden Menschen sprechen, solange sie keine Ahnung haben, worum es bei diesen überhaupt geht. Ihr Gegenvorschlag: Nach einem Fachvortrag, der eine Problematik beleuchtet, erhalten zwei Industriepartner mit unterschiedlichen Lösungsansätzen jeweils einen Mini-Pitch von 90 Sekunden bis fünf Minuten. Anschließend bekommen die Teilnehmer einige Minuten Zeit, untereinander zu diskutieren – Frauen träfen Entscheidungen ohnehin bevorzugt im Gruppenaustausch, über soziales Feedback. So entsteht ein echter Aufhänger, um gezielt auf einen Stand zuzugehen – oder die informierte Entscheidung, es zu lassen. Das sei allemal besser als erzwungene Standbesuche: Augenzwinkernd berichtet Sabet von der „illegalen Stempelmafia“ – Firmen, die sich eigene Stempelsets besorgt haben, um Laufkarten gleich mehrfach abzustempeln.
Was Formate wie der Dental Summer anders machen
Dass es auch anders geht, zeigt für Sabet der Dental Summer selbst: Der Altersdurchschnitt liegt dort nach ihrer Schätzung rund zehn Jahre unter dem vergleichbarer Veranstaltungen. Als Gründe nennt sie viele Pausen, unterschiedliche Eventformate – abends feiern gehen oder ins Wasser springen – und die Gewissheit, dass spätestens nach einer halben bis ganzen Stunde eine Unterbrechung kommt. Auch die 150 Aussteller lassen sich über mehrere Tage verteilt erkunden, statt in einer einzigen Reizüberflutung.
Junge Teams und Social Media als Erfolgsfaktor
Auf die Frage nach Unternehmen, die es gut machen, nennt Sabet mehrere Beispiele. Die BFS habe sich ein sehr junges Team aufgebaut, lasse ihrem Social-Media-Team viel Freiraum und gehe aktiv auf junge Zahnärztinnen wie sie oder die Gen-Z-Zahnärztin Anna Neubart zu, um sie zum Gespräch mit der Geschäftsführung einzuladen. Straumann betreibe mit „Women in Implantology“ ein eigenes Netzwerk für Frauen; auch Camlog setze in Richtung jüngerer Generation gut an. Das Gegenmodell beschreibt sie ebenso deutlich: Gefühlt 90 Prozent der Firmen kümmerten sich weder um Studierende noch um Assistenzzahnärzte – meldeten sich aber „wie die Geier“, sobald die Selbständigkeit ansteht. Der Vertrauensverlust in dieser Lücke sei enorm, denn jeder wisse noch genau, wer sich gekümmert hat, als man selbst nichts hatte. Und wer als Firma kein Social-Media-Team hat, riskiert nach ihrer Schilderung den Super-GAU: Sie beschreibt den Fall eines Unternehmens, das mit einer jüngeren Person herablassend umging – ohne zu ahnen, dass diese ein großes Following hatte und den Vorfall öffentlich machte.
Für Veranstalter, Referenten und Hersteller ergibt sich daraus ein klares Bild: Wer die Generation Z erreichen will, muss Inhalte verdichten, echte Gesprächsanlässe schaffen und digital ansprechbar sein – lange bevor aus Studierenden Praxisgründerinnen werden.