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Praxisgründung & Übernahme

Praxisübernahme und Ergonomie: Wenn die Praxis nicht zur Zahnärztin passt

Zu hohe Arbeitsflächen, zu große Winkelstücke: Zahnärztin Valeria Sabet erklärt, warum viele Praxen und Dentalprodukte nicht auf die überwiegend weibliche nächste Generation ausgelegt sind.

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Wenn junge Zahnärztinnen über eine Praxisübernahme nachdenken, spielt ein Faktor eine überraschend große Rolle: die Ergonomie. In Folge #136 des Podcasts „Queens & Sons of Dentistry“ schildert die Berliner Zahnärztin Valeria Sabet, Mitgründerin der Lernplattform Wisdom, warum viele Bestandspraxen und selbst neue Dentalprodukte nicht auf die kommende, überwiegend weibliche Zahnärztegeneration ausgelegt sind – und was das für Abgeber, Hersteller und Gründerinnen bedeutet.

Warum Übernahmen abschrecken können

Sabet beobachtet, dass viele junge Ärztinnen, etwa in Berlin, davor zurückschrecken, eine bestehende Praxis zu übernehmen – weil diese Praxen schlicht nicht auf sie ausgelegt sind. Der Hintergrund: Die meisten übernahmefähigen Praxen wurden einst von einem Mann gegründet und aufgebaut. Der Gründer ließ sich damals naturgemäß alles in seiner eigenen Körpergröße einrichten – vom Mobiliar bis zu den Gerätschaften. Sabet selbst ist 1,63 Meter groß und erlebt die Folgen dieser Bauweise im Praxisalltag unmittelbar.

Behandlungseinheit, Winkelstücke, Arbeitsflächen

Konkret wird sie bei der Ausstattung: Bei einer Behandlungseinheit aus den 90er-Jahren seien die Winkelstücke damals unglaublich groß gebaut worden. Zwar seien sie inzwischen zum Teil etwas kleiner geworden, das Grundproblem aber bleibe. Der Behandlerstuhl fahre für sie meist nicht tief genug herunter – die Konsequenz sei, dauerhaft unergonomisch zu sitzen. Auch die Arbeitsflächen auf der Behandlungsseite seien häufig viel zu hoch. Und wer als kleinere Kollegin bei einem männlichen Kollegen hospitiert, braucht nach Sabets Schilderung mitunter ein Trittbrett, um überhaupt etwas vom Behandlungsfeld zu sehen. Was anekdotisch klingt, beschreibt ein strukturelles Problem: Instrumente, Einheiten und Praxiseinrichtung wurden über Jahrzehnte an männlichen Maßen ausgerichtet.

Produktentwicklung ohne weibliche Perspektive

Auf die Frage, ob das nur alte Praxen betreffe, antwortet Sabet deutlich: Das Problem ziehe sich durch sehr viele Firmen und Geräte. Selbst neue digitale Produkte würden sehr oft noch in Zusammenarbeit mit Männern konzipiert – schlicht, weil bislang kaum junge Zahnärztinnen ihrer Generation in die Entwicklung eingebunden würden. Das zeige sich auch im Marketing: Als Beispiel nennt sie die Werbung für einen neuen 3D-Drucker, inszeniert wie ein Auto-Spot mit lauter Heavy-Metal-Musik. Solche Inhalte würden von ihr und den meisten Kolleginnen auf Social Media schlicht weggewischt. Ihre Empfehlung an die Industrie lautet daher, junge Zahnärztinnen zu konsultieren und aktiv in die Produktentwicklung hineinzuholen. Sabet, die selbst Unternehmen in diesem Themenfeld berät, berichtet, dass viele bekannte Firmen auf die Frage, ob sie Ansprechpartnerinnen aus dieser Zielgruppe hätten, verneinen – manche hätten das Thema überhaupt nicht auf dem Schirm. Angesichts der Prognose, dass in rund zehn Jahren 75 Prozent der Zahnärzteschaft weiblich sein wird, hält sie es für höchste Zeit umzusteuern.

Frauen führen Praxen anders

Die Unterschiede enden nicht bei der Gerätegröße. Sabet beschreibt im Podcast, dass Frauen Praxen auch anders führen – etwa bei der Zusammenarbeit mit dem Labor. Frauen schickten Laborarbeiten zum Teil ganz anders heraus, weil sie den sozioökonomischen Hintergrund der Patienten stärker in den Vordergrund stellten. Ihr Beispiel: Ein 17-Jähriger mit Nichtanlage oder einem ausgeschlagenen Zahn braucht eine Interimsprothese. Eine Klammerprothese mit sichtbar hervorblitzenden Klammern an den Eckzähnen sei für einen jungen Menschen sozial verheerend. Eine Chefin, die selbst ein Kind in diesem Alter hat, denke daran und diskutiere selbst mit dem Labor – während viele männliche Chefs nach Sabets Beobachtung nicht einmal mehr den Laborzettel selbst schreiben, sondern der Helferin sagen: „Schick mal raus.“ Als Leitsatz zitiert sie einen Kollegen: Männer denken in Brutto, Frauen in Netto. Ein Mann sage, seine Praxis mache eine Million Euro Umsatz; eine Frau denke über ihre Praxis stärker in sozialen Zusammenhängen. Das gelte auch für das Team: Ein Mann wisse, er habe eine ZMV, eine ZFA und eine ZMP – eine Frau wisse, sie habe eine alleinerziehende Mutter, eine Mutter von zwei Kindern und eine Mitarbeiterin, die sich um ihren Vater kümmert.

Für Praxisabgeber, Depots und Hersteller enthält das Gespräch damit eine klare Botschaft: Ergonomie, Gerätedesign und Ansprache entscheiden mit darüber, ob die nächste – überwiegend weibliche – Generation eine Praxis übernimmt und mit welchen Partnern sie künftig arbeitet.

#Praxisübernahme #Ergonomie #Zahnärztinnen
Ustomed Podcast – Queens and Sons of Dentistry · #136

Sind wir bereit für Gen-Z-Zahnärztinnen?

Gast: Valeria Sabet