Immer mehr Menschen setzen sich bewusst damit auseinander, welche Materialien in ihren Körper gelangen – und stehen früher oder später vor der Frage nach dem passenden Zahnersatz. In Folge 129 des Podcasts Queens & Sons of Dentistry diskutieren der Zahnarzt Dr. Maximilian Fuhrmann, seit über 14 Jahren tätig und schwerpunktmäßig in Prothetik, Parodontologie und Implantologie zu Hause, und der Maschinenbauingenieur Thorsten Buurlage, der die Hightech-Fertigung der Neodent-Keramikimplantate verantwortet, welche Rolle Zirkondioxid neben dem seit Jahrzehnten bewährten Titan künftig spielen wird.
Bioverträglichkeit als zentrales Argument
Für Thorsten Buurlage, der seit rund zehn Jahren in der Keramikentwicklung arbeitet, sind Keramikimplantate „die Antwort auf die Anforderung, die der Patient eigentlich stellt“ – nämlich Gesundheit. Keramik sei das bioverträglichste Material, das aktuell bekannt ist; was die Zukunft noch bringe, könne niemand wissen, doch nach heutigem Stand setze Zirkondioxid hier den Maßstab. Dr. Fuhrmann bestätigt diese Beobachtung aus der Praxis: Immer mehr Patientinnen und Patienten fragen aktiv nach einer Alternative zu Titan. Die Gründe reichen vom Wunsch nach einer metallfreien Versorgung über hochästhetische Ansprüche bis zu einer eher holistisch orientierten Zahnmedizin, bei der eine möglichst „störungsfreie“ Lösung im Vordergrund steht.
Festigkeit: Zirkondioxid muss den Vergleich nicht scheuen
Dass Keramik im Alltag eher an Kaffeetassen denken lässt als an hochbelastete Bauteile, räumt Buurlage mit seinem Hintergrund aus der Antriebstechnik aus. Zirkondioxid sei auf dem Datenblatt der einzige Werkstoff, der Elastizität und Festigkeit von Stahl erreiche – bei deutlich höherer Verschleißfestigkeit. Für den direkten Vergleich nennt er im Gespräch Biegefestigkeitswerte von rund 800 Newton bei Titan gegenüber etwa 1200 bei Keramik. Bei entsprechender Konstruktion ließen sich mit Keramikkomponenten daher gleiche oder sogar höhere Festigkeitswerte erreichen als mit Titan. Als Beleg für das Potenzial des Werkstoffs verweist er auf die Prothetik: Auch bei Brücken habe sich Keramik längst durchgesetzt – noch vor zehn Jahren sei jeder für verrückt erklärt worden, der dort Keramik einsetzte, heute sei das gang und gäbe.
Dr. Fuhrmann ergänzt die klinische Perspektive: Die Studienlage habe sich über die vergangenen fünf bis zehn Jahre deutlich gewandelt, die Materialien seien besser geworden. Brüche seien früher vor allem dann aufgetreten, wenn Implantate nicht protokollgemäß gesetzt oder extraaxial ungünstig belastet wurden. In seiner eigenen Praxis habe er einen Bruch bislang nicht erlebt – obwohl man sich über die Jahre durchaus in implantologische Grenzbereiche vorgewagt habe.
Ästhetik: die weiße Farbe als sichtbarer Unterschied
Neben der Bioverträglichkeit sieht Buurlage in der Ästhetik das zweite große Argument: Die weiße Farbe entspreche genau dem, was von Zähnen und Dentalprodukten erwartet werde. Wie relevant das klinisch werden kann, illustriert Fuhrmann mit einem Fall aus der ästhetischen Zone: Bei einem Patienten mit dünnem Biotyp wurde ein Frontzahn entfernt und sofort implantiert – ohne Sofortbelastung. Gerade in solchen Situationen, in denen bei Knochenverlust ein dunkler Implantatkörper durchschimmern könnte, spiele die Farbe des Keramikimplantats „ihren Reiz“ aus.
Kosten und subjektives Empfinden
Bei den Kosten komme es laut Fuhrmann stark auf das System an. Im Vergleich zu dem Keramiksystem, das die Praxis zuvor nutzte, sei das aktuelle sogar günstiger; gegenüber Titanimplantaten liege der Mehrpreis über den Daumen bei 150 bis 200 Euro brutto. Diese Materialkosten würden als Durchlaufposten eins zu eins an den Patienten weitergegeben – ähnlich wie Prothetik aus dem Fremdlabor, denn Lagerhaltungskosten dürften nicht aufgeschlagen werden. Beim subjektiven Empfinden sieht Fuhrmann keinen belegbaren Unterschied zwischen den Werkstoffen: Manche Patienten berichteten nach Implantationen von einem Fremdkörpergefühl, weil die Propriozeption des natürlichen Zahns mit seinem Faserapparat fehle – das betreffe aber jedes Implantat und hänge stark von der individuellen Wahrnehmung ab.
Einordnung: das Bessere als Feind des Guten
Buurlage bringt im Podcast ein Gedankenexperiment: Hätte die Implantologie mit Keramik begonnen, würde niemand zu grauen Titanimplantaten zurückwechseln – das käme einer Rückentwicklung gleich. Bessere Technologien mit echtem Zusatznutzen setzten sich am Markt früher oder später durch, auch wenn das mitunter Jahrzehnte dauere; er zieht Parallelen zum Wechsel von der Kutsche zum Auto, zum Computer und zum Smartphone. Wie ernst Fuhrmann den Werkstoff nimmt, zeigt seine Antwort auf die Frage, was er den eigenen Eltern empfehlen würde: Bei ausreichendem Knochenangebot ohne große augmentative Maßnahmen ein Keramikimplantat. Das Fazit der Runde: Keramik ist nicht pauschal „besser“ als Titan – aber für viele Anwender und Patienten der nächste konsequente Entwicklungsschritt.