Wer profitiert stärker von der computergestützten Implantologie – der Anfänger, der zusätzliche Sicherheit gewinnt, oder der erfahrene Behandler, der dadurch noch präziser wird? Dieser Frage geht die zweite Folge der Trilogie zur computergestützten Implantologie im Podcast Queens & Sons of Dentistry nach. Die Antwort des Gastes, eines erfahrenen Oralchirurgen und Referenten, fällt differenziert aus – und mündet in einen klaren Stufenplan für den Einstieg.
Zwei Methoden, zwei Stressprofile
Ausgangspunkt der Überlegung ist eine Beobachtung aus dem Behandlungsalltag: Bei der Freihandtechnik laufe alles stressfrei, bis das Problem auftauche – etwa wenn sich zeigt, dass das Implantat nicht richtig positioniert ist und neu gebohrt werden muss, damit es passt. Dann entsteht der Stress mitten im Eingriff. Bei der Navigation sei es genau umgekehrt: Der Stress liege am Anfang, wenn alles stehen muss – das System kalibriert, alles angepasst, die Updates installiert. Danach sei der Behandler entspannt, weil er genau wisse, was zu tun ist. Es seien, so der Chirurg, zwei völlig verschiedene Stressmomente mit unterschiedlichem Einfluss auf die Operation.
Warum das erste Implantat nicht dynamisch navigiert sein sollte
Aus diesem Stressprofil leitet der Gast eine klare Empfehlung ab: Wer als Anfänger ohnehin schon vor dem Eingriff angespannt sei, für den sei die volle dynamische Navigation mit ihrer aufwendigen Registrierung vor der Operation derzeit nicht das Richtige. Das erste Implantat gleich mit Systemen wie Falcon oder Navident zu setzen, hält er für zu viel des Guten. Für den Einstieg empfiehlt er stattdessen die statisch geführte Implantologie mit Bohrschablone: Der Behandler wird durch die Hülse geführt und hat einen entspannteren Eingriff. Von der dynamischen Navigation profitiere in erster Linie der Profi, der bereits eine gewisse Routine mitbringt und auf der chirurgischen Seite sicher ist.
Das Fundament: chirurgische Grunderfahrung
Deutlich wird der Gast bei der Frage nach den Grundlagen. Der Moderator verweist auf Gespräche mit zahlreichen Zahnärzten, die raten, vor dem ersten Implantat zunächst tausend Zähne gezogen zu haben, um den Kiefer und seine Eigenschaften kennenzulernen. Der Chirurg pflichtet bei: Es gehe nicht nur darum, ein Implantat zu setzen und eine Schraube einzudrehen. Der Behandler brauche ein Gefühl für die Gewebe – Schleimhaut, Kortikalis, Periost, Muskulatur, Fettgewebe und den Verlauf des Nervs. Für ihn gebe es keine bessere Schule als das Entfernen von Achtern: Wer mit Weisheitszahnentfernungen, Wurzelspitzenresektionen und Extraktionen gekämpft und geschwitzt habe, könne anschließend geführt arbeiten und sich dabei wohlfühlen. Denn was passiert, wenn der Guide bricht, weil er falsch konzipiert wurde, wenn das Navigationssystem das Signal verliert oder wenn bei der Zahnentfernung vor der Implantation die Wurzel frakturiert? Dann brauche es einen Plan B, einen Notfallplan – und viel Erfahrung, um den Eingriff sicher zu Ende zu bringen. Der Moderator vergleicht das mit dem Führerscheinneuling, der direkt in einen Sportwagen steigt: Bleibt er liegen, fehlt jede Grundlage, sich selbst zu helfen.
Schritt für Schritt: erst die Planung beherrschen
Auf die Frage, welche Tipps er seinem früheren Ich für den Start geben würde, antwortet der Chirurg ohne Zögern: Schritt für Schritt vorgehen. Der erste wichtige Baustein sei die Planungssoftware – sein Favorit ist coDiagnostiX, ein Programm, das anfangs etwas sperrig wirke, tatsächlich aber sehr vollständig sei und mit dem sich sehr viel planen lasse. Wer sich dort einarbeite, tauche automatisch in die Grundlagen ein: Was ist ein STL-Datensatz, was ist ein DICOM-Datensatz, und wie kommen beide im Programm zusammen? Diese Arbeit ließe sich zwar delegieren – gerade am Anfang rät der Gast jedoch ausdrücklich davon ab. Nicht alles auf einmal anschaffen und sich nicht überfordern, laute die Devise.
Ausblick: Navigation als kommender Standard
Skeptischen Kollegen, die computergestütztes Arbeiten für sich ausschließen, antwortet der Chirurg mit einer klaren Prognose: Navigation und Robotik würden zum neuen Standard werden und die Freihandtechnik ablösen. Das größte Hindernis sei die Vorbereitung am Anfang – doch ein guter Chirurg müsse seinen Fall ohnehin vorbereiten; heutzutage sei es auch aus rechtlicher Sicht nicht vertretbar, einen Fall unvorbereitet anzugehen. Die Zukunft sieht er in Systemen, die die Zähne des Patienten ohne Marker direkt erkennen, sodass der Fall ohne zusätzlichen Aufwand gestartet werden kann. In der Orthopädie seien Operationssäle mit Kameras bereits Realität: Instrumente und Siebe werden beim Hereinbringen automatisch erkannt, ohne dass für die Logistik manuell etwas erfasst werden muss. Genau dorthin, so seine Überzeugung, entwickelt sich auch die Implantologie.