Wie sieht ein vollständig digitaler Workflow in der Implantologie konkret aus – von der ersten Beratung bis zur verschraubten Brücke? Im Podcast Queens & Sons of Dentistry beschreibt ein erfahrener Implantologe am Beispiel einer Full-Arch-Versorgung, wie seine Praxis heute arbeitet, welche Software und Geräte dabei ineinandergreifen und warum sich die Behandlungszeit dadurch nahezu halbiert hat. Denn gerade bei umfangreichen Fällen, so seine Einschätzung, ergibt das digitale Vorgehen richtig Sinn.
Beratung und digitale Datensammlung
Etappe eins ist die Beratung. Die Vorbereitung solcher Fälle bedeute immens viel Arbeit, weshalb in seinem Kostenvoranschlag vorgesehen ist, dass diese Vorbereitungsleistung auch honoriert wird. In Etappe zwei folgen Fotos, Intraoralscans und – falls noch nicht vorhanden – das DVT. Daraus entsteht der digitale Patientenzwilling, im Podcast auch Patientenavatar genannt: eine digitale Kopie, die zeigt, wie der Patient mit den eigenen Zähnen zubeißt. Das Prinzip dahinter: so viele Informationen wie möglich sammeln.
Diesem Prinzip folgt auch der Umgang mit der Okklusion. Bei Full-Arch-Fällen werden sämtliche Zähne entfernt – wird vorher nicht registriert, wie der Patient zubeißt, fehlt später jeder Bezugspunkt. Mit einem Jaw-Tracker lässt sich die dynamische Okklusion aufzeichnen, also die Bewegung der Kiefer aufeinander. Der Behandler plädiert dafür, vor der Extraktion alles zu registrieren, was möglich ist – selbst wenn die Ausgangssituation fehlerhaft ist oder nicht gut aussieht. Denn das Kiefergelenk sei ein kompliziertes Gebiet: Funktioniert die neu aufgebaute Bisssituation nicht, lässt sich mit den gesicherten Ausgangsdaten nachträglich realistisch korrigieren und verbessern.
Smile Design und Wax-up: Arbeitsteilung mit dem Zahntechniker
Etappe drei ist das Smile Design, das noch in der Praxis mit Smilecloud entsteht – hier wird die Richtung festgelegt, in die die Reise geht. Anschließend übernimmt der Zahntechniker das Wax-up. Der Implantologe versteht sich dabei bewusst als Chirurg, auch wenn er die Prothetik mag: Er kommuniziert mit dem Techniker über Fotos und Smilecloud, der Techniker liefert das Wax-up, das anschließend in die Planungssoftware importiert wird. Gerade bei umfangreichen Fällen sei diese Zusammenarbeit ohne Alternative – ein guter Zahntechniker gehöre zwingend dazu.
Implantatplanung in coDiagnostiX
In coDiagnostiX entsteht der zweite Patientenavatar. Technisch ist das ein Überlagern von Dateien: DICOM-Datensatz, STL und Fotos werden gematcht – ein Vorgang, der laut dem Behandler heute super simpel geworden ist. Geplant wird anschließend anhand der Anatomie: Wo verläuft der Nerv, wo liegen Kieferhöhle und Nase, wie viel Knochen ist vorhanden? Auf dieser Basis fällt die Entscheidung, ob eine Sofortbelastung möglich ist oder Schritt für Schritt vorgegangen werden muss.
Einen großen Schritt nach vorn sieht der Implantologe in der KI-gestützten Röntgenanalyse: Die Zähne werden heute automatisch segmentiert, der Nervverlauf wird sichtbar. Vor zehn Jahren habe man jeden Zahn einzeln von Hand segmentiert – ein enormer Zeitaufwand. Die Ergebnisse der künstlichen Intelligenz müssten zwar geprüft werden, seien aber ziemlich gut. Der Patient bekommt von alledem übrigens nichts mit: Er erhält seinen OP-Termin und weiß, wohin die Reise geht – die eigentliche Vorarbeit passiert im Hintergrund.
OP, Photogrammetrie und die Brücke aus dem Drucker
Im Eingriff selbst kommen die navigierten Werkzeuge zum Einsatz. Direkt danach wird digital abgeformt – per Photogrammetrie und Intraoralscan. Das Photogrammetrie-Gerät, in seiner Praxis ein Micron Mapper, funktioniert nach seiner Beschreibung wie ein digitaler Gipsschlüssel: Es verblockt die Implantate digital und liefert in wenigen Sekunden einen passiven Abdruck mit einer Genauigkeit von etwa zwölf Mikrometern. Das digitale Verblocken dauert rund drei Minuten – für den Behandler schlicht genial.
Das Labor liegt 500 Kilometer entfernt – im digitalen Workflow spielt das keine Rolle. Es matcht Abformung und Wax-up digital und schickt eine digitale Brücke zurück. In der Praxis wird sie von der Helferin gedruckt, fertiggestellt und verschraubt. Auch für die definitive Prothetik ist der Ablauf kurz: Weil nach der Planung fast alles stimmt, genügen ein passiver Abdruck mit Scanbodies, Intraoralscan und Photogrammetrie; das Labor übernimmt das vorhandene Design, es folgen Einprobe und Fertigstellung – insgesamt drei Termine für eine Full-Arch-Brücke. Noch vor drei Jahren, so der Implantologe, wäre das nicht machbar gewesen.
Halbierte Behandlungszeit als Ergebnis
Die Bilanz des digitalen Workflows fällt eindrücklich aus: Eine komplette Rekonstruktion mit umfangreichem Knochenaufbau, die früher zwölf Termine über ein Jahr verteilt erforderte, wird heute in sechs Terminen und sieben Monaten umgesetzt – die Behandlungszeit hat sich durch die Digitalisierung halbiert. Zugleich werde der Ablauf für alle Beteiligten simpler: für den Patienten, der deutlich kürzer in der Praxis ist, für das Team, das aktiv mitwirkt, und für den Behandler selbst. Man habe einen Plan – und setze diesen Plan um. Genau darin liegt für den Podcast-Gast der eigentliche Reiz des viel zitierten Workflows: Er ist keine Worthülse mehr, sondern gelebte Praxisrealität.