Ein Sammelbegriff mit drei Ebenen
Computergestützte Implantologie und „Guided Surgery“ werden im zahnärztlichen Alltag häufig synonym verwendet. Der Zahnarzt und Oralchirurg Dr. Roman d'Olive, der zwei Praxen im französischen Mulhouse und im badischen Neuenburg am Rhein führt, hält diese Gleichsetzung für unpräzise. Im Podcast Queens & Sons of Dentistry, in dem er in einer dreiteiligen Serie über seinen Weg in die computergestützte Implantologie berichtet, erklärt er, warum er sich selbst gar nicht in erster Linie als Spezialist für schablonengeführte Chirurgie versteht, sondern lieber übergreifend von computergestützter Navigation spricht. Zur sauberen Abgrenzung verweist er auf eine Publikation der ITI, in der die Verfahren systematisch differenziert werden. Demnach gliedert sich Guided Surgery in drei Kapitel: die statische Führung über eine Bohrschablone, die dynamische Navigation über ein Kamerasystem und die Robotik.
Stufe eins: die statische Bohrschablone
Die statische Variante arbeitet mit einer vorab gefertigten Bohrschablone, die die Bohrung über Führungshülsen in die geplante Position zwingt. Dr. d'Olive ordnet ihr eine klare strategische Rolle zu. In seiner deutschen Praxis, in der künftig mehrere Behandler tätig sein werden, soll beispielsweise für jeden Patienten eine Pilotbohrung mit einem statischen Guide erfolgen, damit alle Behandler denselben Standard erreichen. Für eine Praxis, die überwiegend Einzelimplantate setzt, lohne sich die Anschaffung eines aufwendigen Navigationsgeräts unter Umständen gar nicht. Zugleich benennt er eine Schwäche der Schablone: Durch das Arbeiten durch die Führungshülsen gehe taktiles Feedback verloren, der Knochen sei bei den Bohrungen deutlich weniger zu spüren. Gerade bei Sofortimplantationen und im augmentierten Knochen hält er die Rückmeldung aus dem Gewebe jedoch für entscheidend, etwa um die Bohrsequenz anzupassen, je nachdem, ob der Knochen hart ist oder stark blutet.
Stufe zwei: dynamische Navigation – „Freihand, aber unter Kontrolle“
Die zweite Stufe ist die dynamische Navigation, bei der der Behandler während der Bohrung in Echtzeit computerunterstützt geführt wird. Diese Form fasziniert Dr. d'Olive nach eigener Aussage am meisten, weil sie die Vorzüge beider Welten verbindet. Der Operateur arbeitet faktisch freihändig, spürt Knochen und Gewebe und kann einschätzen, wie viel Primärstabilität das Implantat erreichen wird – relevant etwa für Sofortbelastung und Sofortversorgung. Gleichzeitig bleibt die Implantatposition exakt dort, wo sie geplant wurde, ohne Abweichung nach rechts oder links. Im Gespräch fällt der Vergleich mit einem Fahrassistenten oder einem GPS: Das Lenkrad bleibt in der Hand des Fahrers, die Richtung ist dennoch abgesichert. Zur Genauigkeit verweist d'Olive auf die Literatur, wonach navigiertes Arbeiten genauso präzise sei wie die statische Schablone. Eine echte Umstellung sei allerdings die Arbeitsweise: Die Kamera hängt über dem Kopf des Behandlers, die Sichtlinie zwischen Kamera und den Markern auf den Instrumenten darf nicht verdeckt werden, und der Blick geht während der Bohrung auf den Bildschirm statt in den Mund – im Podcast wird das mit Autofahren verglichen, bei dem man ständig auf das Navigationsgerät statt auf die Straße schaut.
Stufe drei: Robotik
Die dritte Stufe ist die Robotik – für Dr. d'Olive die Zukunft der Disziplin, und zwar keine ferne: Er glaubt, dass es nicht mehr lange dauert. Auf einem Kongress in Bangkok begegnete er chinesischen Professoren, in deren Praxen bereits mehrere tausend Implantate robotergestützt inseriert wurden. Zwei Ausprägungen beschreibt er: Beim vollautomatisierten System löst ein Pedal die Bohrung aus, ein Roboterarm setzt das Implantat, ein Mensch ist kaum noch beteiligt – ein Szenario, das er für Europäer als „bisschen spooky“ einordnet. Die zweite Variante ist semiautomatisiert: Der Roboterarm ist mit dem Winkelstück verbunden und verhindert Fehlbohrungen wie ein Sicherheitsstopp – zu tief, zu weit nach rechts oder links ist schlicht nicht möglich. D'Olive beschreibt das Prinzip als statischen Guide ohne Guide. Ein US-amerikanisches Unternehmen sei auf diesem Feld bereits sehr weit vorne.
Die Stufen als Praxisstrategie
Auf die Frage, ob die Level nacheinander erklommen werden, antwortet d'Olive mit einem strategischen Blick: Welche Stufe sinnvoll ist, hängt vom Fallspektrum und von der Struktur der jeweiligen Praxis ab. In seiner eigenen Praxis ist die Entscheidung längst gefallen – kein einziger Full-Arch-Fall wird dort noch ohne Navigation operiert, und zwar lieber navigiert als mit statischer Schablone. Zugleich betont er, dass die Freihandkompetenz die Grundlage bleibt: Wenn das System nicht mehr zur Realität passt oder der Computer abstürzt, muss der Operateur in der Lage sein, die Kamera abzunehmen und frei weiterzuarbeiten.